„Scherbenhaufen im ÖTV nach Ende der Ära von Leitgeb“

leitgeb

Robert Groß hat Ronnie Leitgeb als Präsident des Österreichischen Tennisverbandes abgelöst. Das Ende der Ära des ehemalige Betreuers von Thomas Muster nahm die „Sportwoche“ zum Anlass, Bilanz zu ziehen. „SportWoche“-Redakteur Thomas Haider – der freundlicherweise tennis-klatsch.com erlaubte, seinen Artikel zu veröffentlichen – geht mit Leitgeb hart ins Gericht und ist davon überzeugt, dass von den vielen Visionen nur ein Scherbenhaufen übrig geblieben ist. Aber lesen Sie selbst …

Von Thomas Haider („SportWoche“)

Vor drei Jahren wurde Ronnie Leitgeb (54) neuer Präsident des Österreichischen Tennisverbandes – und die Hoffnung auf eine erfolgreiche Zukunft war groß. Pläne, Ideen und Visionen hatte er viele. Doch was wurde daraus? Jetzt ist Leitgebs dreijährige Amtszeit zu Ende (sein Nachfolger ist der Oberösterreicher Robert Groß, ein ehemaliger Bankmanager) – und die „SportWoche“ zieht Bilanz: Was hat Leitgeb groß angekündigt und was wurde davon umgesetzt?

Trainerausbildung

Die Vision: Die Trainerausbildung war Leitgebs wichtigstes Anliegen. Alle Trainer sollen einem Lizenzierungsverfahren unterliegen, sprich eine verpflichtende Fort- und Weiterbildung haben. Der Traum: Eltern fragen beim ÖTV, wo ihre Kinder am besten aufgehoben sind.

Das wurde daraus: Fakt ist: So ein Lizenzierungsmodell war schon lange vor der Ära Leitgeb angedacht. Es war auch am Entstehen, bis im Sommer 2012 ein daran beteiligter Mitarbeiter gekündigt hat. Nachbesetzt wurde dieser Posten mit einer geringfügig angestellten Pensionistin. Im Oktober 2012 fand dann die erste offizielle Fortbildung für Trainer statt, die gab es dann ein Mal im Jahr – dazu wurden auch internationale Trainer-Kapazunder eingeladen: 2013 Toni Nadal, 2014 Nick Bollettieri. „Nebelkerzen, die zur perfekten Ablenkung dienten, wo man mehr Geschichten und Anekdoten erzählte, als auf Weiterbildung geachtet wurde“, wie ein enttäuschter Trainer erzählt. Die jeweilige ÖTV-Lizenz gibt es jetzt zwar als Gold für Trainer, Silber für Lehrer, Bronze für Instruktoren, aber „qualitativ ist nichts besser geworden“, so ein Trainer.

Kinder- und Nachwuchsbereich

Die Vision: Für Leitgeb war bei seinem Amtsantritt der Kinder- und Nachwuchsbereich ein ganz wichtiges Anliegen. „Sie sind die Zukunft des heimischen Tennis.“

Das wurde daraus: „2010 haben wir festgestellt, dass die besten österreichischen Kinder keine internationalen Turniere spielen. Darauf ist 2011 ein Plan entstanden, dass der ÖTV die internationale Turnierbetreuung in die Hand nimmt, sodass in den jeweiligen Jahrgängen je ein Trainer die Kinder international betreut“, so Kindertennis-Experte Michael Ebert. Zur Erklärung: Der 50-jährige Wiener ist seit 20 Jahren im Kindertennis tätig und hat in den 1990er-Jahren ein Development-Programm für Kinder entwickelt – seine Idee dahinter: Kinder spielen auf kleineren Feldern, mit angepasstem Material (leichtere Schläger, langsamere Bälle). Ein Programm, das seit fast zehn Jahren weltweit praktiziert wird, große Tennisverbände wie Frankreich, USA oder Deutschland arbeiten damit. Ebert ist international dermaßen anerkannt, dass er sogar in der Produktentwicklung bei Schlägerhersteller Babolat involviert ist.

„Was 2012 gut angelaufen ist und 2013 immer besser funktioniert hat, wurde Ende 2013 dann plötzlich einfach abgedreht“, so Ebert – und er entlassen. Selbst ÖTV-Sportdirektor Clemens Trimmel war gegen diese Aktion. Warum wurde es dennoch gemacht? Aus budgetären Gründen, wie es offiziell hieß. Inoffiziell soll es laut Leitgeb nicht die Aufgabe des ÖTV sein, „die da unten (gemeint sind die Kinder und Jugendlichen, Anmerkung)“ zu betreuen. Das sei Aufgabe der Trainer in den Landesverbänden. Nur, die waren darauf gar nicht vorbereitet – und so wurde ein Kinder- und Jugendprogramm, das weltweit praktiziert wird, einfach zerstört. Das Kuriose daran: Robert Groß, damals Landespräsident von Oberösterreich, war ein Mitinitiator des Streichungsplans – und ist nun genau jener Mann, der jetzt neuer ÖTV-Präsident ist und sich den Kinder- und Nachwuchsbereich groß auf die Fahnen heftet.

Zwei Nachwuchs-Nationalteams

Die Vision: Es sollte wie zu Leitgebs Zeiten als Davis-Cup-Kapitän auch wieder ein Junior-Davis-Cup- bzw. ein Junior-Fed-Cup-Team geben.

Das wurde daraus: „Es gab kein Anzeichen, dass das in Betracht gezogen wird“, so ein ehemaliger Mitarbeiter. Selbst angedachte Trainingslehrgänge zwischen dem Fed-Cup-Team und Nachwuchsspielerinnen kamen nie zustande. Warum? „Ich weiß es nicht“, so die allgemeine Antwort.

Eine strukturiertere Turnierlandschaft

Die Vision: Eine klar strukturierte Turnierlandschaft für den Nachwuchs – von der untersten Jugendstufe bis zur ITF-Ebene. Leitgeb erklärte dazu: „Je weniger sie ins Ausland zu Turnieren reisen müssen, umso mehr Reisekosten sparen wir uns und umso mehr Trainingstage haben sie.“

Das wurde daraus: nichts. Als Thomas Muster Davis-Cup-Kapitän war (2004 bis 2006), war es sein Verdienst, dass es zu mehr Future-Turnieren in Österreich kam. Seitdem hat sich nichts mehr geändert, es gibt seit jeher etwa zwölf Future-Turniere in Österreich. Leitgebs großspurige Ankündigung, dem Nachwuchs eine klar strukturierte Turnierlandschaft zu verschaffen, verlief im Sand. Dazu gibt es in Österreich nicht ein einziges Challenger-Turnier.

Berater Thomas Muster

Die Vision: Leitgeb wollte Österreichs besten Tennisspieler aller Zeiten mit einbinden. Leitgeb bei seinem Amtsantritt: „Ich habe mich mit Thomas unterhalten, er wird mir mit seinem Wissen zur Seite stehen.“

Das wurde daraus: De facto gab es nur ein einziges Gespräch – und dabei soll es mehr um lustige Anekdoten aus der Vergangenheit, als um die Zukunft gegangen sein. Muster-Manager Herwig Straka: „Es hätte durchaus mehr sein können. An Thomas hat es sicher nicht gelegen.“

Verbesserte Rangliste

Die Vision: Die Gesamtrangliste für Meisterschaftsspieler auf alle Hobbyspieler ausweiten.

Das wurde daraus: ein totales Chaos, im Jänner 2014. Die österreichische Rangliste wurde mit der ITN-Rangliste (entspricht einer Klassifizierung wie das Handicap im Golf) zusammengelegt. Nur: Das eine ist ein Rating, das andere ein Ranking. Der Hintergedanke: Jeder der 70.000 Spieler soll eine Jahresgebühr von 12 Euro im Jahr zahlen. Obwohl das Projekt noch nicht fertig entwickelt war, hieß es: „Wir machen das trotzdem.“ So wurde dann etwa Alexander Peya, damals Nummer 4 der Welt (!) im Doppelranking, als Nummer 55 von Österreich eingestuft. Die Hobby- und Meisterschaftsspieler liefen Sturm, das Ganze wurde wieder rückgängig gemacht, und in Summe wurden zigtausende Euro vernichtet. Jetzt gibt es wieder das alte System.

Modernisierung der Südstadt

Die Vision: Das Leistungszentrum Südstadt soll in der Ära Leitgeb modernisiert werden – und wieder DIE Anlaufstelle für heimische Talente werden. Eine neue Halle soll gebaut werden. Dazu sollen Tennisklubs umgerüstet werden. Leitgebs Traum: „Nachmittagsbetreuung in Tennisklubs – Kinder machen dort ihre Hausaufgaben, spielen Tennis und werden dabei von einem Pädagogen betreut.“

Das wurde daraus: nichts. Die Tennisanlage in der Südstadt gleicht noch einem Ostblock-Bau – farblos, schlechtes Licht, und im Winter zieht es in der Halle, sodass die Trainer das Training mit Winterjacke abhalten. Sogar von einem großen Verbandszentrum (wo der Wiener, der Niederösterreichische und der Burgenländische Tennisverband einen gemeinsamen Sitz haben) wurde geträumt. Passiert ist – richtig – auch hier nichts. Zudem wurde im Februar 2014 mit dem Niederländer Michiel Schapers ein teurer Headcoach verpflichtet, mit Andreas Fasching und Konditrainer Florian Pernhaupt gibt es zwei weitere fest angestellte Trainer – allerdings nur drei Spieler: Lucas Miedler, Sebastian Ofner und David Pichler. Eine Mädchen-Gruppe geschweige ein Konzept für das heimische Damentennis gibt es überhaupt nicht. Ein Armutszeugnis!

Neue Medien & neues ÖTV-Logo

Die Vision: Modernisierung der Homepage und mehr Interaktion via facebook und Twitter. Leitgebs Ziel: „Damit neue Werbemöglichkeiten zu lukrieren.“

Das wurde daraus: Das Logo wurde erfolgreich geändert und auch die Homepage wurde neu gestaltet. Um im Social-Media-Bereich besser dazustehen, engagierte der ÖTV die Agentur Trii, jedoch nur bis Ende 2012. Seitdem kümmerte sich der Verband intern um die sozialen Medien, ohne dafür die nötigen personellen Ressourcen zu besitzen. Auf facebook hält die mehr als verbesserungswürdige ÖTV-Seite bei lächerlichen 1363 „Gefällt mir“-Angaben, auf Twitter bei einer überschaubaren Anzahl von 386 Followern.

Fazit: „Nur ein Anliegen von acht umgesetzt“

Das Fazit: Es ist eine Bilanz des Schreckens. Von acht Anliegen wurde nur eines umgesetzt – die Änderung des Verbands-Logos. Ronnie Leitgeb und sein Präsidium (von dem aber wieder einige im neuen Präsidium sitzen werden) haben einen riesigen Scherbenhaufen hinterlassen. Der neue ÖTV-Präsident Robert Groß hat jetzt einiges aufzuräumen – und dem österreichischen Tennis bleibt eigentlich nur eine Hoffnung: dass Scherben wirklich Glück bringen.

Foto: Samuel Thurner

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